Im Mittelpunkt der Montessori-Pädagogik steht immer das Kind selbst als individuelle
Persönlichkeit. Das Kind ist ein vollwertiger Mensch, dem man bei der Entwicklung seiner
eigenen Persönlichkeit und seines eigenen Willens hilft. Die grundlegenden Ziele der
Montessori-Pädagogik sind dabei das selbstständige Denken und Handeln des Kindes.
Unser Bild vom Kind
Wir hegen den größten Respekt vor der Individualität eines jeden Kindes. Wir respektieren
seine speziellen Talente und nehmen ebenso Rücksicht auf seine jeweiligen Eigenheiten.
Unser Credo im Umgang mit den Kindern lautet:
Ich mag Dich so, wie Du bist und vertraue auf Deine Fähigkeiten. Wenn Du meine Hilfe
brauchst, bin ich für Dich da. Versuche es jedoch zunächst einmal selbst!
Wir möchten dem Kind den Weg zu seiner geistigen Entwicklung eröffnen und ihm Hilfestellung
geben, diesen Weg zu beschreiten. Dabei versuchen wir jede geistige Regung von Beginn an zu
achten, sie zu verstehen und zu fördern.
Von der Familie zum Kinderhaus
Wenn die Kinder mit drei Jahren ins Kinderhaus kommen, ist dies für sie meist die erste
Begegnung mit dem öffentlichen, gesellschaftlichen Leben, welches sich später in der Schule
fortsetzen wird.
Sie kommen aus der Geborgenheit der Familie - in der sie meist die Hauptrolle gespielt
haben - in eine Gruppe von Fremden und müssen sich integrieren. Entscheidend dafür, dass
sie sich in dieser ungewohnten Umgebung ebenso aufgehoben fühlen wie in ihrem Zuhause, ist
die Art, wie ihre individuellen Eigenschaften respektiert und sie in ihren neuen
Herausforderungen unterstützt werden.
Erst wenn das Kind bereit ist, aktiv mit seiner Umwelt in Interaktion zu treten, kann es
sich entwickeln und seine Fähigkeiten erweitern.
Lass mir Zeit!
Unsere Welt wird immer schnelllebiger, wovon auch das Familienleben nicht verschont bleibt.
Dabei wird oft übersehen, dass vor allem Kinder viel Zeit brauchen, um ihre Fähigkeiten
durch Ausprobieren zu erweitern. Was Erwachsene gerne vergessen, ist die Tatsache, dass
Kinder dabei ihr eigenes Tempo haben.
Wenn Eltern unter Zeitdruck stehen, dauert meist alles zu lange. Dies führt dazu, dass sie
ihren Kindern Tätigkeiten wie Schuhe binden geradezu aus den Händen reißen. Die
Kinder haben dabei keine Chance, diese Tätigkeiten in ihrem eigenen Tempo zu erlernen und
einzuüben.
Zurück zur Selbstständigkeit
Auf lange Sicht führt dieses elterliche Verhalten dazu, dass sich drei- oder vierjährige
Kinder nicht selbstständig anziehen können. Sie können sich nicht die Schuhe binden, keine
Reißverschlüsse und keine Knöpfe schließen. Lässt man den Kindern jedoch die Zeit, die sie
brauchen, um diese Tätigkeiten zu üben und zu probieren, treten derartige Schwierigkeiten
meist nicht auf.
Die vorbereitete Umgebung
In der von Maria Montessori skizzierten vorbereiteten
Umgebung können die Kinder ihre psychischen und physischen Fähigkeiten bestmöglich
entwickeln. Der Gruppenraum soll dabei der zielgerichteten Aktivität der Kinder dienen
und daran ausgerichtet sein. Dabei ist der Gruppenraum selbstverständlich mit dem von
Maria Montessori entwickelten Material ausgestattet. Dieses
Material ermöglicht, die Weiterentwicklung der Sinneserfahrungen zu fördern.
Damit der Gruppenraum als vorbereitete Umgebung funktionieren kann, müssen alle
Materialien für die Kinder gut zugänglich sein. Sie besitzen jeweils einen festen Platz,
damit sich die Kinder merken können, wo das jeweilige Material zu finden ist.
Der Gruppenraum soll für die Kinder wie ein für sie eingerichtetes Haus sein: Alle Bilder
hängen in ihrer Augenhöhe; die Möbel sind leicht zu bewegen; Pflanzen stehen so, dass die
Kinder sie versorgen können. Wichtiger Bestandteil des Gruppenraumes ist überdies eine in
kindgerechter Höhe angebrachte, voll funktionsfähige Kinderküche, welche kein Spielzeug ist.
Spielen ist die Arbeit des Kindes
Maria Montessori nennt Spielen die Arbeit des Kindes.
Dabei ist das Ziel all seiner Bemühungen der Weg zum Erwachsensein. Das Kind will seine
Talente entwickeln, es will lernen, logisch zu denken und seine Bewegungen kontrolliert
und präzise durchzuführen. Seiner Umwelt gegenüber ist das Kind dabei aufgeschlossen und
bereit, sie zu entdecken.
In der Gruppe sollte immer eine positive Atmosphäre herrschen, unterstützend und nicht
konkurrierend. Die Kinder sollen sich wohl und geborgen fühlen. Nur in einer solchen
Umgebung sind sie in der Lage, all ihre Talente zu entwickeln.
Polarisation der Aufmerksamkeit
In dieser vorbereiteten Umgebung kann man beobachten, wie die Kinder nach kurzer
Zeit Fähigkeiten entwickeln, die man ihnen nicht zugetraut hätte: Sie sind in der Lage,
sich über einen längeren Zeitraum intensiv mit einem Gegenstand auseinanderzusetzen und
sich auf diesen zu konzentrieren.
Diese, von Maria Montessori als Polarisation der
Aufmerksamkeit bezeichnete Fähigkeit können Kinder nur in einer entsprechend
vorbereiteten Umgebung erreichen. Dabei entwickelt sich zunehmend ihr
Orientierungssinn und sie sind zu präzisen Bewegungsabläufen in der Lage.
Kinder, welche sich auf diese Weise entwickeln können, sind zufrieden und freundlich,
entwickeln Selbstdisziplin und haben Respekt voreinander.
Das pädagogische Personal
Verantwortlich für die vorbereitete Umgebung sind die pädagogischen Fachkräfte
des Kinderhauses. Die Erzieherinnen haben mit einer
Zusatzausbildung das Montessori-Diplom erworben, welches sowohl theoretische als auch
praktische Inhalte umfasst. Sie sind in der Lage, die Kinder beim Spiel mit dem
Montessori-Material anzuleiten.
Die Rolle der Erzieherin
Die Rolle der Erzieherin in einem Montessori-Kinderhaus zeichnet sich vor allen Dingen
durch Zurückhaltung aus. Die pädagogische Fachkraft muss dafür Sorge tragen, dass einer
freien Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit nichts im Wege steht. Durch ihre
einfühlsame Beobachtung weiß die Erzieherin dabei genau, an welchem Punkt auf dem Weg zu
einer mündigen Persönlichkeit sich das jeweilige Kind gerade befindet. Auf diese Weise ist
es ihr möglich, adäquate, dem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechende Hilfestellungen zu
leisten.
Dabei steht immer das Kind im Mittelpunkt, die Rolle der Erzieherin definiert sich hingegen
in der Begrenzung des Einschreitens. Nur in einer Atmosphäre des Vertrauens und des Respektes
kann die Persönlichkeit eines Kindes wachsen und reifen. Das Kind muss spüren, das man an es
glaubt und ihm zutraut, schon viele Dinge selbst und selbstständig zu tun.
Phase des Spracherwerbs
Die Kinder befinden sich im Kinderhaus mitten in der Phase des Spracherwerbs. Sie treten dem
pädagogischen Personal des Kinderhauses daher mit einem starken Drang, lesen und schreiben zu
lernen und einem enormen Worthunger entgegen.
Die Erzieherinnen müssen daher darauf achten, mit den Kindern in einer intelligenten,
ausführlichen und inhaltsreichen Sprache zu kommunizieren.
Weitere reformpädagogische Einflüsse
Neben der Montessori-Pädagogik fließen weitere reformpädagogische Ansätze in das Konzept
des Kinderhauses mit ein. Hier sei vor allen Dingen die Reggio-Pädagogik und ihr Begründer
Loris Malaguzzi genannt, welcher das Kinderhaus als einen Ort der gegenseitigen Achtung und
des Respekts beschreibt:
Der Kindergarten muss ein Ort sein, wo Achtung und Anerkennung auf das Kind überfließen.
Das Kind muss die von uns wieder zu entdeckende Fähigkeit zum Staunen spüren; es muss
unsere Verblüffung erleben können. Es geht also darum, dass wir die Fähigkeit, sich
wundern zu können, wieder erlangen und wir die damit verbundenen Gefühle genießen können.
Wir müssen die Quelle des Kindes, seine eigenen Möglichkeiten, erkennen.